Besuch im Jaldu-Epizentrum am
13. 7. 2010

Von Jemima Hartshorn

Jemima Hartshorn arbeitet für einige Monate in Addis Abeba in Äthiopien. Dort hat sie das Jaldu Epizentrum besucht, in dem auch Ababa Banti lebt. Ihre Hühnerfarm war das Beispiel, das zur Veranschaulichung des Mikrokreditprogramms, in einer Broschüre des Hunger Projekts im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Jemima übergab ihr den „Geschäftsbericht“.

Dienstag hatte ich die tolle Möglichkeit mit Marie aus dem Global Office NY, program officer microfinance, Almaz, program officer microfinance Ethiopia und Kelele, credit officer, Ethiopia ins Jaldu-Epizentrum, westlich von Addis zu fahren…

Schon früh um 6h30 holte Samuel zuerst mich und dann die anderen zu unserem Tagesausflug nach Jaldu mit dem Landcruiser ab. Dabei wurde mir nochmals deutlich, wie privilegiert ich eigentlich lebe. Der tägliche Weg von etwa insgesamt 45 Minuten zur Arbeit ist untypisch kurz in einer so großen und weiten Stadt wie Addis. Zwei Stunden fuhren wir auf einer gepflasterten Straße, aber bei dem Schild “Jaldu-Epicenter 64 km” bogen wir ab auf eine Straßenpiste und holperten auf dieser weitere anderthalb Stunden durch die grünen Berge. Ja, grüne Berge, dicht bewachsen, es ist gerade Regenzeit. Aber dies ist tatsächlich leider auch eine Gegend mit Hungersnot. Außerhalb der Regenzeiten fällt kaum Niederschlag. Der Hagel, der auch in Addis fällt, macht Boden und Saat regelmäßig kaputt.

Irgendwann waren wir da, fröhlich erwartet und begrüßt von etwa 7 Frauen, von denen 5 gemeinsam das Mikrofinanzprojekt leiten. Zunächst besichtigten wir das Epizentrum und die dazugehörigen Felder. Auf den Feldern war viel los, denn es ist gerade Saatzeit. Das Epizentrum hat zum Pflügen Geräte und einen Ochsen angeschafft. Die Dorfbewohner haben auch eigene Ochsen mitgebracht, damit die Arbeit schneller geht. Insgesamt tummelten sich etwa 20 Personen Männer, Frauen und Kinder auf dem Feld.

Auf anderen Feldern wachsen schon Kartoffeln und Sesam, der hier “Ölpflanze” genannt wird. Leider kann der Vorratsspeicher zurzeit nicht genutzt werden, weil dort Ratten hausen. Aber das Leitungskomitee ist sicher, dass dieses Problem bis zur nächsten Ernte (Oktober / November) gelöst sein wird. Das Getreide wird zurzeit in der Gemeindehalle gelagert. Es reicht wohl bis zur nächsten Ernte, zum Glück. Wer nicht genug zu Essen hat, kriegt dort erst mal Getreide und gibt eine etwas größere Menge nach der eigenen Ernte zurück. Verbleibendes Getreide wird verkauft, tatsächlich war etwa ein Viertel schon verkauft. Kartoffeln gibt es oft in Äthiopien (sie riechen viel stärker also richtig gut als in Deutschland), daher gibt es auch einen Kartoffelspeicher, der allerdings zurzeit leer ist.

Im Epizentrum selber war wenig los, das liegt an den Ferien in der Regen- und Saatzeit, so dass die Vorschule nicht stattfindet und auch die Bibliothek nicht genutzt wird. Die Krankenstation hatte offen. Der Krankenpfleger war da und berichtete, dass ihn in den letzten zwei Monaten 110 Patienten aufgesucht hätten. Die häufigste Krankheit sei Lungenentzündung, vor allem bei Kindern, die könne er aber heilen. Er hat dort auch verschiedene Medikamente, Aufklärungsplakate über Hygiene und Impfungen…

Nun wurde es Zeit für das Meeting 5 Frauen aus dem Kreditteam, wir und der Bank Officer, der als einziger nicht ehrenamtlich arbeitet. Die Notwendigkeit eines ausgebildeten und angestellten Bankmanagers ist eine äthiopische Besonderheit, weil der Staat verlangt, dass alle Banken als Genossenschaftsbanken unter bestimmten Auflagen geführt werden, als “saccos”. Dies bedeutet aber auch, dass der Staat in jedem Distrikt ein Beratungsbüro bereit hält und Schulungen anbietet. Das Mikrofinanzprogramm gibt es in Jaldu seit 2005. Das Bankteam trifft sich etwa zweimal im Monat ganztägig. Die Bank muss, wenn sie nicht mehr vom Hunger Projekt Äthiopien unterstützt wird – also in zwei Jahren an das Sacco-Büro berichten und wird von dort kontrolliert.

Die aus dem “Geschäftsbericht” bekannte Ababa ist übrigens auch in dem Komitee und arbeitet als “cashier”. Ich habe ihr den Geschäftsbericht vor dem Meeting übergeben, sie war erst etwas verwirrt, hat dann aber später – am Ende des Meetings – mit ihrer Freundin darüber gekichert und geschmunzelt.

Die Sacco, gewährt neben den Mikrokrediten allen Mitgliedern (Kosten des Anteils: 50 birr – etwa 3 Euro), die Möglichkeit dort Geld zu sparen und sich finanziellen Rat zu holen. Bisher wurden an 862 verschiedene Personen (darunter 246 Männer) insgesamt weit über 3000 Mikrokredite vergeben. Der erste beträgt jeweils 300 birr (circa 20 Euro) und die späteren jeweils 200 birr mehr.

Die Bank wird dieses Jahr durch Mitgliedsbeiträge und die verhältnismäßig geringen Zinsen von 11 Prozent einen Gewinn von etwa 40.000 birr machen. Es ist allerdings noch unklar, ob dieser Betrag die Kosten decken würde, weil das Hunger Projekt Äthiopien noch alle Kosten trägt. 5 Prozent des Gewinns müssen dem Epizentrum für gemeinnützige Projekte zur Verfügung gestellt werden.

Das Meeting war sehr spannend. Nach einem Bericht des Bankmanagers und vielen Fragen von Marie, hatten die Frauen den Mut sich bei uns zu beschweren: Sie finden ihren zeitlichen Einsatz – gerade in der Saatperiode – sehr hoch, dafür dass er ehrenamtlich erfolgt. Auch ihre Männer würden erwarten, dass sie entweder daheim mitarbeiten oder Geld mit nach Hause brächten. Marie machte deutlich, dass es zur Strategie des Hunger Projekts gehört, dass dieser Beitrag ehrenamtlich erfolgt, das sei der Preis für eine Bank, Kredite und mehr Anerkennung. Almaz war sehr stolz auf die Frauen, die sie seit sechs Jahren kennt und betreut, geschult und beraten hat – vor sechs Jahren wären diese zu schüchtern gewesen, um vor anderen ihre eigene – kritische – Meinung zu äußern.

Gleichzeitig erklärten die Frauen, dass sich ihr Leben durch die Kredite deutlich verbessert habe. Sie hätten nun Häuser mit Blechdächern, könnten die Schule für ihre Kinder bezahlen und hätten deutlich mehr und immer zu Essen. Sie könnten lesen, alle Mitglieder der Teams des Epizentrums hätten mindestens die dritte, einige sogar die zehnte Klasse abgeschlossen.

Dennoch würden die Frauen gerne weitere Trainings für sich und andere Dorfbewohner bekommen: vor allem im Bereich frauenspezifischer Themen wie traditionellen gefährlichen Praktiken (z.B. Genitalverstümmelung von Frauen) und Frauenrechte, Hygiene, Gesundheit und Familienplanung, Banken, Finanzen und Landwirtschaft. Ungünstigerweise ist es externen NRO in Äthiopien verboten Workshops im Bereich von Frauenrechten und ähnlichem durchzuführen.

Anschließend gab es noch eine kleine Fotosession zur Belustigung aller und vor unserer Abfahrt noch einen Besuch bei Gadise Wake. Sie erhielt gerade ihren 5. Mikrokredit und hat mittlerweile eine trächtige Kuh, 9 Schafe, 6 Hühner und ein Haus mit Blechdach, in dem sie bald eine kleines Café eröffnet – wohnen tut sie nebenan mit ihren 6 Söhnen.

Mein Fazit: Dieser Besuch war toll, das Gespräch richtig informative und wirklich auf Augenhöhe. Ich bin hocherfreut, beglückt und sicher, dass diese – unsere Arbeit – richtig, wichtig, gut und nachhaltig ist!

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