Dörfer in Malawi – in fünf Jahren eigenständig?!

ein Reisebericht von Jemima Hartshorn
im Juli 2007

Wir sitzen im Bus, eng, es holpert. Auf den Straßen winken uns Kinder zu, wirbeln roten Staub auf und bei jedem Stopp wollen sie uns Orangen verkaufen – es ist klar, der Bus fährt durch Afrika, Malawi.

Ich bin aufgeregt und gespannt – hält das Hunger Projekt auch praktisch vor Ort, was die Grundidee verspricht?

Ich gehe im Geiste die Leitprinzipien und Arbeitsweise in den Programmländern durch: alle Aktivitäten des Hunger Projektes werden von einheimischen Angestellten und ihren vielen freiwilligen Mitarbeitern initiiert.

Menschen aus westlichen Ländern sind nur Förderer, dürfen als diese die Epizentren (Zusammenschluss von verschiedenen Dörfern mit insgesamt circa 10.000 Bewohnern) besuchen oder sind Freiwillige oder Angestellte in einem Büro in New York, Deutschland oder einem anderen Land der westlichen Welt.

Das Hunger Projekt arbeitet also vor Ort nur mit Menschen, die in der jeweiligen Kultur, Sprache und Gesellschaftsstruktur aufgewachsen sind.

Die Aufgabe des „Country Directors“ und seines oder ihres Teams ist es, die Dorfbewohner zu überzeugen, dass sie den chronischen Hunger selber überwinden können, lokale Führungskräfte zu finden und auszubilden und eine Veränderung der Rolle der Frauen zu einem selbstbewussten gleichberechtigten Mitglied der Gesellschaft anzustoßen. Sie stellen einen Kontakt zu der jeweiligen Regierung her, damit diese die Projekte der Dorfbewohner unterstützen und das ganzheitliche Prinzip kennen lernen.

Diese geistige Entwicklung, angeregt durch Workshops in den Dörfern führt schon im ersten Jahr zu einer veränderten Denkweise – hofften und warteten die Menschen bisher resigniert auf die zu geringen Spenden und Almosen, entwickeln sie jetzt die Vision und Kraft den Hunger zu beenden, und verdeutlichen dies durch erste einkommensgeneriende Unternehmungen wie dem Wiederaufbau von Schulen und dem gemeinschaftlichen Anbau von besserem Mais und sinnvoll angewendetem Düngemittel.

In der anschließenden fünfjährigen Phase bauen die Dorfbewohner gemeinschaftlich, angeleitet durch ihr gewähltes Komitee (mindestens zur Hälfte mit Frauen besetzt) das so genannte Epizentrumgebäude, mit einem Maisspeicher, einer Küche, einem Gesundheitszentrum, einer Bücherei, einer Vorschule und eine Gemeindehalle.

Ein weiteres Komitee verteilt Mikrokredite an Frauen, andere Bewohner klären über HIV / Aids auf. Am Ende dieser Phase steht die Unabhängigkeit der Dörfer von Nahrungszuschüssen, finanzieller oder personeller Hilfe (eines der sechs Epizentren in Malawi hat dieses Stadium der Unabhängigkeit auch schon erreicht!).

Richtig vorstellen kann ich mir nicht, dass diese Strategie die Lösung des Hungers in Afrika ist – es erscheint so nahe liegend, Chancen für hungernde Menschen zu schaffen, indem ihnen zeitlich begrenzt Mittel für die Entwicklung nachhaltiger Projekte zur Verfügung gestellt werden; wenn dies die Lösung ist, warum wird so nicht großflächig gearbeitet, unterstützt von sämtlichen Regierungen? – aber Halt, wir sind in Jali angekommen: uns laufen hunderte Dorfbewohner entgegen, tanzend, rufend, fröhlich und vor allem wohlgenährt.

Wir steigen aus dem Bus, umringt von vielen Menschen, Händen und lachenden Gesichtern – trotz allen Trubels bleibt Zeit für persönlich Gespräche – Flora hat einen Mikrokredit über 220 Euro erhalten, diesen nach 8 Monaten abgezahlt und besitzt nun 12 Schweine, ein eigenes Bankkonto und hat eine Schule für 34 Waisenkinder aufgebaut!

Der Nahrungsspeicher ist überfüllt – die Dorfgemeinschaft verdient Mais durch die Ausgabe von Maiskrediten, die auch in Mais zurückgezahlt werden, um diesen wiederum an bedürftige Bewohner als Kredit auszugeben. Ich bin begeistert und möchte diese Kreditart in jedem Entwicklungsland verbreiten – doch keine Zeit dafür, es beginnt die formelle Zeremonie mit dem Wasserminister in der Gemeindehalle. Am Ende der Zeremonie verteilen wir 187 Urkunden an jubelnde Frauen und einige Männer, die den Alphabetisierungskurs erfolgreich abgeschlossen haben und Elisabeth liest ein selbstgeschriebenes Gedicht vor. Uns stehen die Tränen in den Augen. Vor Ehrfurcht und Bewunderung für die Zielstrebigkeit dieser Menschen.

Am zweiten, dritten und vierten Tag machen wir dieselben Erfahrungen in anderen Zentren – und ich bin überzeugt: mit diesem Konzept kann chronischer Hunger beendet werden. Nicht umsonst arbeiten auch die Millennium Development Dörfer nach einem ähnlichen Prinzip, kosten aber sehr viel mehr als die benötigten 8 US-Dollar pro Jahr pro Person in den Epizentren.